ESSZIMMER
raumbezogene Installation
Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme.
Das Ritual des gemeinsamen Essens schafft Räume, in dem Werte und Traditionen weitergeben werden und wird somit zu einem höchst sozialen Akt.
In dem kollektiven Prozess des gemeinsamen Essens werden Beziehungen geknüpft und gepflegt. Essen zu teilen, symbolisiert Gemeinschaft, Zugehörigkeit und schafft über Kulturen und Generationen hinweg feste Verbindungen.
Dieses gemeinsame Erleben hat einen Einfluss darauf, wie wir zukünftig unsere Räume gestalten.
Das Zerfallen der Bedeutung von Ritualen, auch in familiären Lebensräumen, verändert unsere Gesellschaftsstrukturen. Die Tendenz zur Individualisierung, der Vereinzelung, werden wichtige Erfahrungen nicht gemacht.
Wie viel Raum geben wir unserer Ernährung und dem Ritual Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen ?
Während eines gesamten Jahres habe ich täglich meine Mittagsmahlzeit fotografisch dokumentiert.
Die Installation "ESSZIMMER" versteht sich als Aufforderung, Raum einzunehmen, diesen mit eigenen Vorstellungen von kulturellem Miteinander zu füllen und die Esskultur als Möglichkeit, als Brücke wahrzunehmen, in dem sozialer Lebensraum geformt werden kann
MUSEUM DER VERLORENEN DINGE
IST DAS KUNST
Von Orten und Dingen inspiriert ist auch das Finden, Sammeln und Bewahren ein wiederkehrendes Thema der Künstlerin
In diesem absichtslosen Finden steckt ein Erkennen und in der Folge dieses Prozesses entstehen Wandlungen.
Dieses Transformieren deckt Geschichten auf von Dingen und Zuständen, die verloren zu gehen scheinen.
Die Webspindeln aus der stillgelegten Weberei in der Niederlausitz erzählen ihre Geschichten ebenso wie das abgenutzte Werkzeug des Schuhmachers.
So entstehen aus dem gesammelten Fundus Objektkästen, kleine Installationen, Tafelbilder.
Sichtbar gemacht und einem Wert beigemessen findet eine andere Wahrnehmung statt. Eine Erinnerung an etwas Gewesenes.
Kann dann die Türklinke bestenfalls zu einem Symbol für die Betrachtenden werden, die eine neue Geschichte erfinden ?
Unterschiedliche Interessen wie auch unterschiedliche Epochen beeinflussen diese Entscheidung und diese werden eher subjektiv und selten urteilsfrei getroffen, abhängig von persönlichen Vorlieben oder dem Zeitgeist.
KUNST HEUTE 2024
Inselkirche Kirchdorf Insel Poel
DIE KIRCHE NICHT IM DORF LASSEN
Rauminstallationen
Bis ins späte Mittelalter hinein wurden neue Siedlungen in enger Zusammenarbeit mit der Kirche gegründet.
Die Kirche war im Dorf verwurzelt und Kristallisationskern neuer Siedlungen.
Aus dieser Zeit stammt auch die Redewendung
„Die Kirche im Dorf lassen“
... lasst es uns nicht übertreiben, es geht auch kleiner
… man möge sie dort lassen wo sie traditionell gewachsen ist
Die Kirche in Kirchdorf auf der Insel Poel steht seit über 800 Jahren, eine Gemeinschaft ist gewachsen und wächst.
Ein Ort, der Raum gibt zu sein mit allen Hoffnungen und Wünschen, der Schutz bietet.
Ein Ort der Begegnung, beweglich und offen und in der durch die Gemeinschaft und durch die Rituale Geborgenheit entsteht.
Gleichzeitig ist es auch ein Ort, der Raum gibt über sich selbst hinaus denken zu können.
Der offen ist für neue auch kritische Gedanken, der es erlaubt über das eigene Bewusstsein hinaus größer zu denken.
Der Titel der Installation „Die Kirche nicht im Dorf lassen“ meint, die Kirche nicht als eine starre Institution zu betrachten.
Die Kirche ist ein Ort, an dem Geschichten erzählt werden, die auch heute noch eine Gültigkeit haben. Es gilt nur, sie richtig zu
übersetzen, aus einem zeitgemäßen Blickwinkel zu betrachten.
Die Installation ist ein Versuch die Zeiten und die Menschen zu verbinden
Die Bänder, die aus den Kuppeln fallen, ein Dach bilden, zu den Bänken gespannt werden und in den Bankreihen weiterlaufen verbinden symbolisch : den Himmel mit der Erde, die Menschen mit- und untereinander über Konfession und Nationalität hinweg.
Laudatio Dr. Petra Schulz
Rauminstallation „Die Kirche nicht im Dorf lassen“
Zwischen Menschen, zwischen Menschen und Dingen, Erzählungen, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft bestehen Verbindungen, lassen sich Verbindungen knüpfen.
Bänder können Symbole dieser Verbindungen sein.
Die Bänder - hier sind sie leicht und zart, weiß und rein. Die Schönheit der Bänder, ihre Formation und Anordnung, lässt staunen.
Diese Bänder können als Projektionsfläche dienen für Verbindungen vielerlei Art. Verbindungen können leicht und zart sein. Sie können aber auch schwer lasten wie Ketten. Sie können Fesseln sein oder stützender Halt. Sie können geknüpft und zerschnitten werden. Sie können reißen. Und wieder geknotet werden. Sie können Halt geben oder festbinden. Sie können Luft abschnüren oder als freie Möglichkeit ergriffen werden.
Bindungen wandeln sich, Verbindungen unterliegen Wandlungen.
Wandlung ist DAS Thema der Künstlerin Sieglinde Mix.
Wandel kann verunsichern. Angst machen. Vielleicht soll alles lieber so bleiben wie es ist. Mit den Bändern, den Bindungen, Verbindungen, Beziehungen. Alles sollte beim Alten bleiben. Man sollte die Kirche im Dorf lassen! Keine Experimente!
Auf das Potential der Wandlung verweist Sieglinde Mix in ihrer Kunst.
Kokons, Verpuppungen, geformt aus vielerlei Material/Stoff, sind für sie ein Symbol für dieses Potential der Wandlung. Aus dem Kokon, aus der verpuppten Gestalt, schlüpft nach einer Zeit der Reife, etwas Neues, Lebendiges.
Kann das im Innern Wachsende nicht durch die Hülle brechen, nicht ausbrechen aus dem Kokon, wird es letztlich darin verenden.
Mit dem Titel der Installation „Die Kirche nicht im Dorf lassen“ klingt, um im Bild zu bleiben, die Möglichkeit des Schlüpfens aus dem Kokon einer engen verkapselten Welt an.
Die Installation von Sieglinde Mix mit dem Titel „Die Kirche nicht im Dorf lassen“ spannt Bänder, Verbindungen zu neuen Möglichkeiten und Erfahrungen, Experimenten
Die lateinischen Worte für Erfahrung und Experiment sind nahe Verwandte.
Experimentieren mit neuen Verbindungen außerhalb des Dorfes. Verkapselte, verpuppte Geschichten aufbrechen lassen und neu erzählt ins Freie entlassen.
Das Experiment, der Versuch, bei dem Neues erprobt wird, braucht Inspiration. Braucht einen neuen Geist, etwas, das entzündet, entfacht und Neues, neue Erfahrung aus sich heraussetzt.
Inspiration lässt sich nicht an einen Ort bannen. Inspiration braucht Weite, Offenheit, Luft zum Atmen.
Der Geist weht ja bekanntlich, wo er will –
und öffnet den Raum für neue Verbindungen – zwischen Menschen, Menschen und Dingen, Erzählungen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.